Alternative Chat-Systeme II
Dieser Artikel ist Teil einer Serie:
ConcertChat
ConcertChat stammt vom Fraunhofer Institut für Integrierte Publikations- und Informationssysteme. Das Chatsystem ist als Server mit Java Servlet Pages realisiert. Die Clients werden per Java Webstart verteilt. Der Source Code zur Übersetzung mit Ant steht unter einer BSD ähnlichen Lizenz und kann von der Projektseite herunter geladen werden. Durch die eingesetzte Technologie ist das System relativ plattformunabhängig. Da das Fraunhofer Institut inzwischen aufgelöst wurde, kann der ConcertChat Quellcode auch von einer Sourceforge Projektseite heruntergeladen werden.
ConcertChat realisiert einige Konzepte, die sich in “normalen” Chat-Clients nicht finden. So ist in den Chat eine Whiteboard-Funktion integriert. Hier ist es möglich Texte, einfache MindMaps, Screenshots/Bilder und selbst gezeichnete Grafiken neben dem linearen Textchat einzutragen. Dadurch können z.B. Zwischenergebnisse der Diskussion festgehalten oder parallel ein Dokument oder Bild gemeinsam bearbeitet werden.
Eine Timeline Funktion ermöglicht schrittweise alle Eintragungen und Löschungen auf dem Whiteboard nach zu vollziehen. Zusätzlich werden Aktionen die im Zeitraum zwischen zwei Chatbeiträgen vorgenommen wurden (z.B. das Zufügen eines neuen Knotes in einer MindMap) als Rechtecke zwischen den jeweiligen Beiträgen dargestellt. Jedes dieser Rechtecke kann angeklickt werden. Dadurch wird ein Sprung in der Timeline ausgelöst und der zu diesem Zeitpunkt gültige Stand der Bearbeitung auf dem Whiteboard angezeigt.
Eine “Referencing”, also referenzieren, genannte Funktion ermöglicht es mit einzelnen Besprechungsnachrichten auf bestimmte Stellen im Whiteboard oder auch andere Textnachrichten zu “deuten” und somit die jeweilige Textnachricht mit einer bestimmten Stelle zu verknüpfen. Der Kontext einer bestimmten Nachricht kann somit wesentlich besser festgestellt werden, als dies in gängigen Chatprogrammen möglich ist.
Da mehrere Nutzer gemeinsam (also kollaborativ) an einem Dokument arbeiten können, kann es natürlich auch zu Überschneidungen kommen. z.B. wenn zwei Nutzer gleichzeitig versuchen ein Textobjekt zu überarbeiten. Um hier zu kennzeichnen, wer gerade welches Objekt bearbeitet, wird über dem jeweiligen Objekt eingeblendet, welcher Nutzer daran Änderungen vornimmt (”Is edited by…”).

ConcertChat - Sitzung mit Whiteboard, Referencing und Bearbeitungsanzeige (”Is edit by…”)
Die einzelnen Chats sind in “Räumen” organisiert. Diese Räume inkl. ihrer Historie können exportiert und später natürlich auch wieder importiert werden. Sie stellen somit eine Art persistentes Artefakt (eine Art Gruppendokument) dar, das jederzeit neu geladen, erweitert und verändert werden kann.

ConcertChat - Room Manager (Eingangshalle)
Im Room Manager kann auch eine spezielle Log-Ansicht (HTML-Transciption) des gesamten Chatverlauf im jeweiligen Raum gestartet werden. Dieser zeigt in einer tabellarischen Darstellung die einzelnen Textnachrichten, die vorgenommenen Referenzen mit Screenshot, sowie das Dokument, das zum Ende der Besprechung auf dem Whiteboard vorliegt.

ConcertChat: HTML-Transcript/Log eines Chatraums
Die Funktionen zusammen genommen ermöglichen eine sehr gute Dokumentation und Nachverfolgung einer Diskussion. Personen die später zu einem Chat kommen oder diesen nachvollziehen müssen, können mit Hilfe der Timeline und den Referenzen den Gesprächsverlauf analysieren. Das Whiteboard selber, stellt gleichzeitig eine Arbeitsfläche zur Verfügung, die die Teilnehmer zur Zusammenarbeit nutzen können. Kooperatives/Kollaboratives Arbeiten wird somit auch in verteilten Situationen erleichtert.
Coccinella
Coccinella ist ein Open Source Jabber/XMPP Client mit folgenden Eigenschaften:
- Whiteboard Funktion
- Voice over IP (VoIP)
- Dateiaustausch
- Chaträume/Multi User Chat
- Message Inbox - Ähnlich einer E-Mail Funktion, jedoch über das Chat-System realisiert
- Roster/Buddy-List - Bekannt von anderen Instant Messengern, damit bessere Presence Awareness
- Sog. Business Card - Ein Profil bzw. eine Art Online Visitenkarte
Obwohl die aus ConcertChat bekannten Funktionen einer ausgefeilten History/Timeline und die Möglichkeit Referenzen zwischen Chatnachrichten und anderen Nachrichten/Stellen auf dem Whiteboard herzustellen fehlt, bietet gerade das Whiteboard interessante Funktionen, die auch in eine geschäftlichen Konferenz oder einer Lerneinheit in der Lehre neue Möglichkeiten eröffnen:
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Die SlideShow Funktion ermöglicht Bilder wie bei einer einfachen Präsentation darzustellen.
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Zusammen mit der Funktion beliebig in den Dokumenten Pfeile, Kreise, Freihandzeichnungen usw. anzubringen, wird somit die Möglichkeit geschaffen interaktive Präsentationen durchzuführen.
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Sofern beim Client die MIME Unterstützung hierfür vorhanden ist, kann eine Vielzahl an Dateien in das Whiteboard importiert werden (PDF, Quicktime Movie, MPEG, AVI, PPT, Sounddateien usw). Diese können dann von den anderen Teilnehmern geöffnet und angesehen werden. z.B. werden Quicktime Filme auch inline dargestellt.
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Eine beliebige Stelle des Bildschirms kann mit wenigen Klicks aufgenommen und als Bild in das Whiteboard kopiert werden
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Whiteboards können gespeichert und wieder geladen werden (z.B. um eine unterbrochene Sitzung weiter zu führen)

Coccinella - oben Whiteboard, unten Chat
MuVi-Chat
MuVi-Chat (multiple visualization chat) wurde im Rahmen der Bachelor Arbeit “Alternative Visualisierung von Chat-Beiträgen zur Verringerung des Co-Text-Verlust” an der FernUniversität Hagen von Verena Kunz entwickelt. Wie der Titel andeutet, liegt das Hauptaugenmerk bei MuVi-Chat auf einer verbesserten Darstellung der Bezüge einzelner Textnachrichten zueinander. Visuell soll der Nutzer also Referenzierungen der Nachrichten untereinander erkennen können. Hauptmerkmale des Programms sollten sein:
- Mehrere alternative Formen die Referenzierungen der Nachrichten darzustellen
- Der Gesprächsverlauf sollte speicher- und protokollierbar sein.
- Mit Hilfe einer Wiedergabe Funktion (Replay-Modus) sollte ein Gesprächsverlauf erneut abspielbar sein.
Die vorgestellte Programmvariante lässt derzeit nur Einzelrefernzierungen zu. Eine Nachricht hat also in der derzeitigen Implementierung immer nur einen Vorfahr und einen Nachfolger.
Zur Darstellung des Chatverlaufs wurden insgesamt 3 Alternativen gewählt
1. Die klassische sequentielle Ansicht, wie sie aus den gängigen Programmen bekannt ist
2. Eine sequentielle Listenansicht, wie unter 1., jedoch werden Nachrichten die mit der jeweils gerade neu angezeigten oder vom Nutzer ausgewählten Nachricht in Verbindung stehen fett hervorgehoben. Nachrichten die mit diesen Nachrichten in Verbindung stehen werden ebenfalls wieder fett markiert usw. Die Ansicht sieht also ähnlich aus wie folgendes Beispiel:
0:01 Ich bin die erste Nachricht
0:09 Ich bin eine Nachricht ohne Bezug
0:15 Ich stehe in Bezug zur allerersten Nachricht
0:22 Ich stehe in Bezug zur Nachricht um 0:09
0:35 Ich bin die aktuellste Nachricht und stehe in Bezug zu 0:15
3. Baumdarstellung in 4 verschiedenen Varianten
3.1 Eine Baumdarstellung ohne Visualisierung der Zeit. Hierbei werden einfach die Nachrichten in einer Baumdarstellung angeordnet
3.2 Variante 2 visualisiert die verstrichene Zeit, indem im Baum zeitlich weiter zurück liegende Nachrichten mittels verblassender Farben dargestellt werden.
Variante 3 visualisiert die Zeit über Einstellungen im Layout. Zeit wird hierbei durch den Pixelabstand (1 Sekunde = eine vom Nutzer gewählte Pixelanzahl) der Nachrichten voneinander dargestellt.
MuVi-Chat Baumvisualisierung/Zeit durch hellere Farben dargestellt
3.3 Die letzte Variante ist eine sequentielle Baumdarstellung. Hierbei wird auf der Y-Achse nicht wie bei 3.2 die Zeit, sondern nur die zeitliche Abfolge der Nachrichten dargestellt.
MuVi-Chat ist in Java programmiert und setzt auf das Jabber-Protokoll. Der Client kann mit normalen Jabber Servern in Verbindung treten. Auch ist es möglich sich mit Nutzern zu unterhalten, die einen anderen Jabber Client verwenden. Die Möglichkeit zur Nachrichtenreferenzierung geht dann allerdings verloren.
Programmierer können weitere Visualisierungen dem Programmpaket zufügen.
Derzeit ist das Programm noch nicht frei erhältlich, eine Veröffentlichung als Open Source ist jedoch geplant. Das Programm wurde als OpenSource veröffentlicht und kann auf Sourceforge herunter geladen werden.
psyced / PsycZilla / Psyconaut / psycion
Die Server/Client Applikation psyced (multicast chat und messaging daemon) basiert auf dem Protokoll PSYC (Protocol for synchronous conferencing) . PsycZilla (erhältlich als Firefox Extension oder XULRunner Version), psycion und Psyconaut (.NET Windows Client) sind Client Anwendungen, die speziell auf die Besonderheiten des Protokolls angepasst sind. Eine Kommunikation mittels IRC oder Jabber Clients ist jedoch auch möglich.
PSYC als Protokoll und die erwähnten Clients bieten zwar nicht direkt Lösungen zu den unter “Chat-Systeme als Mittel zur synchronen Kommunikation in Gruppen” vorgestellten Nachteilen klassischer Chat-Systeme, weisen aber einige erwähnenswerte Besonderheiten auf:
- Profile können angelegt werden. Kontrolle hierüber bleibt direkt beim Nutzer lokalisiert.
- Personen können untereinander Freundschaften schliessen oder anderen Personen ihr Vertrauen (trust) aussprechen. Ebenso ist es möglich sog. Expose Werte zu vergeben. Diese Werte “stufen” die Freundschaften ab und ermöglichen festzulegen wer welche Freunde sehen kann.
- Friendcasting ermöglicht Nachrichten an Freunde und Freundesfreunde zu verschicken.
- Sogenannte Uniform Network Identifications (UNI) & Locations (UNL) identifizieren weltweit eindeutig Personen und (Chat-)Räume. Zitat aus dem Whitepaper : “ Der Grundgedanke ist es, eine weltweite Datenbank über die Anwesenheit von Personen und Existenz von Konferenzen gar nicht erst aufzubauen, sondern ganz wie im Web den Resourcen und Personen URL-konforme Locators zuzuweisen, und daraufhin die Client-Programme direkte oder smart geroutete Verbindungen untereinander aufbauen zu lassen. Die Server nehmen dabei eine vermittelnde Hilfestellung ein, und sind von Datenbank oder Routingproblemen gänzlich befreit.“
- Ähnlich wie in ICQ werden Nachrichten zwischengespeichert, sofern der Nutzer derzeit nicht online ist und beim nächsten Login zugestellt (Anrufbeantworter Funktion)
- Peer to Peer Vermittlung eines Grossteils der Kommunikation. Dadurch sehr gute Skalierbarkeit bei steigender Nutzerzahl.
- Räume sind beliebig programmierbar und können ähnlich wie Personen eine Historie bzw. ein Log führen. Der Unterschied ist, dass die Historie direkt im Raum hinterlegt ist.
Insbesondere programmierbare Räume ermöglichen interessante Features, die auch in geschäftlichem oder universitärem Umfeld nützlich sein könnten. So können Nachrichten in den Raum gesendet werden, sobald Änderungen an einem Wiki, Blog oder in einem CVS Verzeichnis vorgenommen oder eine bestimmte Seite betrachtet wurde. RSS/XML Informationen können ausgelesen und in den virtuellen Raum gecastet werden usw.
Das Protokoll bietet einige vielversprechende Ansätze und leistet auch gute Arbeit in der Integration verschiedener Zugangsarten (Web, Telnet, verschiedene Clients). Durch Peer-to-Peer Technologie ist es sehr gut skalierbar, die Technologie insgesamt ist Open Source, IRC und Jabber werden integriert. Obwohl PSYC bereits bei grossen Events, wie z.B. dem MTV Europe Music Award eingesetzt wurde, hat es sich bis jetzt noch nicht durchgesetzt. Ein Einsatz in geschäftlichem Umfeld (ausser wie schon gesagt für Grossveranstaltungen) oder in der Lehre ist mir derzeit nicht bekannt.
Erstmal ein dickes Kompliment für diese vorzügliche und sehr aktuelle Zusammenstellung von neuartigen Chat-Anwendungen! Ich habe es sofort meinen Studentinnen empfohlen.
Kleines Update zu MuviChat: es ist mittlerweile OpenSource und hier downloadbar:
http://sourceforge.net/projects/muvi
Beste Grüße,
Torsten Holmer
FH Hagenberg
Danke für das Kompliment und den Link (wurde auch gleich eingebaut).
Die Artikelserie ging aus der Beschäftigung mit der Kurseinheit 2 (S. 72-83) des Kurses 01880 “Computerunterstütztes kooperatives Arbeiten - CSCW” von Stephan Lukosch der FernUniversität Hagen hervor. Allerdings wurden dort viele Punkte verkürzt oder auf eine andere Weise abgehandelt. Ich hatte mich dann einfach mal über die zitierte “Originalliteratur” hergemacht und am Ende stand dann die bis jetzt dreiteilige Serie.
Ich arbeite derzeit an einem 4. und 5. Teil. Der vierte Teil wird die bist jetzt nicht behandelten 3D-Chats zum Thema haben. Hier bieten sich ganz neue Möglichkeiten und natürlich auch Probleme. Der 5. Teil wird einfach eine Liste aller mir bis jetzt bekannten Chat-Programme enthalten. Auch danach wird in letzter Zeit häufig gesucht.
Mit freundlichen Grüßen
Joachim Uhl