Chat-Systeme als Mittel zur synchronen Kommunikation in Gruppen

Dieser Artikel ist Teil einer Serie:

  1. Chat-Systeme als Mittel zur synchronen Kommunikation in Gruppen
  2. Alternative Chat-Systeme
  3. Alternative Chat-Systeme II

Unsere moderne Welt basiert sehr stark auf Arbeitsteilung und Projektarbeit. Verwandt damit sind alle Lernformen, welche auf die Kooperation/Kollaboration in Gruppen setzen. Hier liegt ein Schwerpunkt auf der Herausbildung eines gemeinsam erarbeiteten Verständnisses über ein bestimmtes Wissensgebiet. Obwohl schon vorher bekannt, hat das Aufkommen vernetzter Computersysteme (Internet, Intranets usw.) die Möglichkeit der Teamarbeit in verteilten Gruppen wesentlich erleichtert. Konkret bedeutet das, dass die Gruppenmitglieder über die ganze Welt verstreut sein können.
Forschungsbereiche in der Informatik, die sich mit den Möglichkeiten und Schwierigkeiten beschäftigen, die sich aus verteilter Gruppenarbeit mit Computerunterstützung ergeben, sind CSCW1 (Computer Supported Cooperative/Collaborative Work) und CSCL2 (Computer Supported Collaborative Learning).

Ein wichtiger Aspekt, der sich aus verteilter Gruppenarbeit ergibt, egal ob nun in der Arbeit, dem Studium, der Forschung oder beliebiger Lernsituationen, ist das Bedürfnis nach Kommunikation. Dies hat mehrere Gründe:

  • Die Gruppenarbeit muss koordiniert werden. Sei es um Arbeitsschritte abzusprechen, Termine zu vereinbaren oder einfach Schwierigkeiten zu besprechen.
  • Es muss ein Gruppenbewusstsein existieren. D.h. jedes Mitglied muss sich dessen bewusst sein, in eine Gruppe zu arbeiten. Dazu gehört auch die Möglichkeit untereinander in Kontakt und somit Kommunikation treten zu können.
  • Eng verwoben mit einem Gruppenbewusstsein ist auch ein gemeinsames Verständnis über die zu bewältigende Aufgabe, die gemeinsamen Ziele und wie diese erreicht werden sollen. Vor allem bei länger andauernden Aufgaben müssen diese Punkte immer wieder abgeglichen und untereinander besprochen werden. Auch dies geht nur mittels Kommunikation.
In der Anfangsphase der Gruppenbildung und immer dann wenn sozial schwierige Situationen zu klären sind, ist die direkte Face-to-Face Kommunikation zwar schwer zu ersetzen und auch in anderen Gegebenheiten, wie z.B. Vorträgen, sind zusätzliche Informationskanäle, wie sie bei Audio- und insbesondere Videokonferenzen existieren, wünschenswert oder sogar notwendig, dennoch sind Chat-Programme eine wichtige und brauchbare Komponente in verteilten Gruppensituationen:
  1. Die Kommunikation benötigt wenig Bandbreite. Auch in der Zeit von High-Speed Anschlüssen ist das ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Teammitglieder können aus vielen denkbaren Gründen nur Zugriff auf einen Schmalband-Anschluss haben (Beispiel: Aussendienstmitarbeiter in einem Land mit gering entwickelter Infrastruktur).
  2. Die meisten der bekannten Programme sind einfach zu handhaben und zu installieren. Dies ist ebenfalls ein grosser Vorteil. Vor allem in Gruppen, die wenig Affinität zu Computersystemen besitzen.
  3. Es werden wenig Anforderungen an die technische Leistungsfähigkeit des Computers gestellt. (Beispiel 1: Anbindung mit einem mobilen Gerät; Beispiel 2: Kooperation mit Mitgliedern die nur Zugriff auf veraltete oder stark ausgelastete Hardware haben)
  4. Auf Grund der geringen Anforderungen, können die Programme die meiste Zeit “an sein” und somit u.a. das Gruppenbewusstsein fördern, indem die Mitglieder relativ schnell, und vor allem jederzeit, miteinander in Kontakt treten können bzw. wissen, was der andere gerade macht (z.B. über Statusmeldungen)

Nardi et. al. (2000)3 haben in ihren Artikel “Interaction and Outeraction: Instant Messaging in Action” untersucht, wozu Instant Messenger genutzt werden:

  • Unterstützung für schnelle (Nach-)Fragen und Klarstellungen aktuell bearbeiteter Aufgaben
  • Regelmäßige Nutzung für die Koordination und Ablaufplanung
  • Einige Nutzer verwiesen auf einen effizienten (Informations-)Austausch, da bei der eher informellen Kommunikation auf Formalismen verzichtet werden konnte
  • Schnellere Reaktion auf Anfragen durch die erhöhte Sichtbarkeit der Kommunikation (z.B. erscheint die Anfrage direkt auf dem Arbeitsbereich- dem Computer – der angefragten Person –> dies führt dazu, dass sie die Nachricht wahrnimmt, sobald sie an ihrem Rechner ist und dies erhöht die Wahrscheinlichkeit einer schnellen Reaktion.) Hier ist natürlich zu beachten, dass die erhöhte Sichtbarkeit auch als störend und produktivitätsmindernd wahrgenommen werden kann.
  • Koordination sozialer Treffen (z.B. Mittagessen, Kaffeetrinken).
  • Kontakte zu Freunde und Familie aus der Arbeit heraus halten.

Obwohl hier nur IM-Systeme betrachtet wurden, lässt sich dies auch auf IRC oder Webchats übertragen, da hier die gleichen Funktionalitäten zur Verfügung gestellt werden können.
Die letzten beiden Punkte erscheinen zunächst vielleicht nicht produktiv, es sollte jedoch nicht vergessen werden, dass der soziale Austausch innerhalb einer Gruppe das Vertrauen untereinander fördern kann. Gerade das stellt ja auch einen wichtigen Aspekt der Gruppenarbeit dar. Auch der Kontakt zu Freunden und Familien stellt einen wichtigen Bereich dar. Vor allem in Zeiten, in denen ansonsten auf Grund der Aufgabe keine Möglichkeit bestünde mit diesen in Kontakt zu treten. Zitat aus Nardi et. al. (S. 82)

“These Interactions were often very brief, like, “Hi Hon!” Such interactions seemed to provide a moment of respite in a busy day, a sort of “pat on the shoulder” as one participant said.”

Die Erkenntnisse von Nardi et. al. werden in Quan-Haase, A., Cothrel, J., and Wellman, B. (2005)4 “Instant Messaging for Collaboration: A Case Study of a High-Tech Firm” bestätigt. Quan-Haase et. al. weisen darauf hin, dass Instant Messenger dazu verwendet werden:

  • Den Grad der Erreichbarkeit anzuzeigen. Dies geschieht über die Statusanzeige (Im Meeting, Mittagessen, etc.) in der Buddy-List des IM. Andere Gruppenmitglieder können so selbst bei Abwesenheit einschätzen wann der Kollege wieder zu erreichen ist.
  • Nardis Hauptaspekt, die Nutzung für schnelle Anfragen und Klärungen aktueller Aufgaben, findet sich auch bei Quan-Haase wieder: “Most collaboration via IM consists of asking questions about specific aspects of work. The questions often involve clarification or codified knowledge.
  • Weniger häufig, aber auch vorkommend, ist eine in die Tiefe gehende kooperative Problembearbeitung, in dem dem Fragenden geholfen wird ein Probem überhaupt zu verstehen und verschiedene Lösungsmöglichkeiten durchgespielt werden.
  • Der Aspekt der Verfügbarkeitsanzeige und virtuellen Präsenz ermöglicht erst mehr Kollaboration. Dadurch, dass auf dem Computer gesehen werden kann, wer derzeit online und verfügbar ist, wird die Kommunikation angeregt. IM schaffen so die Möglichkeit zur Kommunikation und Kollaboration, die anderweitig nicht genutzt werden würde. Auch wenn der Kollege nur zwei oder drei Räume weiter arbeitet.

Welche Chat-Systeme existieren nun derzeit:

Talk

Der Unix Befehl Talk wird heute nicht mehr häufig genutzt. Er erlaubt nur die Kommunikation zweier Teilnehmer, wobei der Bildschirm auf einer Konsole einfach zweigeteilt wird. Ein Vorteil ist, dass die Entstehung der Nachricht direkt verfolgt werden kann, da jeder Buchstabe in dem Moment in dem er eingegeben wird auf dem Bildschirm beider Kommunikationspartner erscheint. Üblicherweise wird die Verbindung aufgebaut indem man dem Befehl talk den Loginnamen des Nutzers und dann abgetrennt durch ein @ den Rechnernamen folgen lässt (z.B. talk jo@franklin.home.net). Die Diskussion ist normalerweise nach Abbruch der Verbindung verloren, d.h. sie wird nicht automatsich gespeichert.

IRC

Der Internet Relay Chat (IRC) wurde durch Jarkko Oikarinen als Erweiterung des talk Befehls entwickelt. Ein IRC Netzwerk besteht üblicherweise aus einem oder mehreren IRC-Servern die untereinander verbunden sind. Nutzer melden sich mit einem Client Programm, wie etwa mIRC, Miranda, BitchX, Kopete, Konversation, Chatzilla usw.5 an einem dieser Server an. Diskussionen werden in themenbezogenen Kanälen (sog. Channels) abgehalten. Direkte Kommunikation einzelner Nutzer ist jedoch ebenfalls mittels sog. Querys möglich.
Nutzer die einen Channel erstellen erhalten automatisch Operator Rechte. Damit können andere Nutzer ebenfalls zu Operatoren gemacht werden, sog. Voices können verteilt werden und es ist möglich andere Nutzer aus dem Channel zu werfen (kicken) oder auszuschliessen (bannen). Wird der Channel auf moderiert gesetzt, so kann eine Diskussion dadurch gesteuert werden, dass nur Personen die Operatoren sind oder Voice besitzen schreiben können. Ebenso ist es möglich den Channel so zu schalten, dass nur Personen welche eingeladen sind, diesen betreten dürfen oder eine maximale Nutzeranzahl festzulegen. Über die Querys sind jederzeit neben der Hauptdiskussion im Channel nebenläufige Unterhaltungen möglich.

Wenn auch seltener genutzt, so bieten die meisten IRC-Clients eine Funktion zum Austausch von Dateien von Nutzer zu Nutzer, die Möglichkeit beim Login eines bestimmten Nutzers benachrichtigt zu werden, die Möglichkeit zur Angabe eines bestimmten Nutzerstatus (z.B. Away) die Funktion bestimmte Nutzer auszublenden (ignore) und es ist möglich eine automatische Protokollierung der Unterhaltungen durchzuführen.

Instant Messaging Systeme

Instant Messaging Programme (IM) stehen in Konkurrenz zum älteren IRC. Der Fokus dieser Programme liegt jedoch mehr auf der Kommunikation zweier Chat-Partner und der sognannten Awareness Funktion bzw. der virtuellen Präsenz.
Üblich ist, dass der Nutzer in einer Liste alle eingetragenen bekannten Chatpartner (sog. Buddys) zusammen mit einer bestimmten Statusanzeige (Nicht stören, auf Arbeit, nicht am Platz, bereit zu Chatten, nicht eingeloggt usw.) sehen kann. Obwohl auch bei IRC Programmen realisiert, können vor allem bei IM-Programmen neue Nachrichten in einer Sprechblase die z.B. aus der Taskleiste erscheint, angezeigt werden.
Zusätzliche Funktionen sind Diskussionsforen, Protokollierung der Unterhaltungen, Sharing-Dienste für Bilder, Musik u. Dateien, Terminplaner, aber auch Videochats usw. Die bekanntesten IM-Programme nutzen proprietäre Protokolle (ICQ, Yahoo Messenger, MSN Messenger), eine Ausnahme stellt das freie Jabber Protokoll dar.

Multi Protokoll Messaging Systeme

Auf Grund der Tatsache, dass es viele IM-Protokolle und natürlich auch das IRC-Protokoll gibt, haben sich sog. Multi Protokoll Clients entwickelt. Diese ermöglichen eine Konvergenz zwischen den verschiedenen Systemen. So ist es z.B. dem Nutzer eines Multi Protokoll Clients möglich den Status seiner “Buddys” zu sehen, obwohl vielleicht der eine den Yahoo Messenger, der andere IRC und der nächste ICQ nutzt. Meist können jedoch nicht alle Funktionen der proprietären Protokolle integriert werden. Dies trifft vor allem auf File-Sharing, Videochat und andere Spezialfunktionen zu.

Web-Chats und Shoutbox

Web-Chats werden auf Webseiten im WWW angeboten. Als Client kommt hier der Browser zum Einsatz. Übliche Technologien sind Java-Applets, Flash, PHP und CGI. Es kann sich dabei um Systeme handeln die eine Verbindung zu einem IRC-Netzwerk oder einem anderen Protokoll aufbaut, meistens sind es jedoch Systeme die nur beim jeweiligen Anbieter der Webseite funktionieren. Die Funktionalität lehnt sich dabei häufig an IRC und/oder IM-Systeme an. Ein Beispiel für einen Web-Chat der in Verbindung mit einem CSCL-System genutzt wir, ist die Chat-Funktion der Software CURE6 7 der FernUniversität Hagen. In Kombination mit einer Wiki-ähnlichen Funktion zur Manipulation von Webseiten stellen Webchats ein durchaus überlegenswertes Werkzeug zur synchronen Gruppenarbeit an Dokumenten dar.
Shoutboxes stellen einen kleinen interaktiven Bereich in einer Webseite dar, in dem die Nutzer Nachrichten hinterlassen können. Da die Nachrichten nach dem Eintragen allen anderen, die sich ebenfalls auf der Seite befinden, zur Verfügung gestellt werden, stellen sie ein quasi-synchrones Chattool dar. Auf Grund der verwendeten Technologie und der eingeschränkten Funktionalität (z.B. sind in der Regel keine nebenläufigen Diskussionen möglich) ist ein Vergleich mit einem “Schwarzen Brett” am besten.

Chat-Systeme haben jedoch auch Schwächen. Smith et. al.8 haben folgende Schwierigkeiten mit textbasierten Chat-Programmen in ihrem Artikel “Conversation Trees and Threaded Chats” identifiziert:

  1. Es existiert ein mangelnder Bezug zwischen Personen und deren Nachrichten: Gerade in Chaträumen ist es nicht immer sofort möglich die Nachrichten dem Schreiber zuzuordnen.
  2. Keine Sichtbarkeit des Zuhörers: Man kann nicht beobachten was die Zuhörer machen, wärend man die Nachricht schreibt. Langweilt man sie, sind sie mit Nebengesprächen beschäftigt, wie reagieren sie auf bestimmte Aussagen? All das ist nicht direkt sichtbar.
  3. Kein sichtbarer Entstehungsprozess der Nachricht: Normalerweise wird in Chatsystemen der geschriebene Text erst abgeschickt, sobald die ENTER Taste gedrückt wird. Anders als bei Talk kann man nicht in allen Chat-Systemen erkennen, ob und wer gerade an einer Nachricht schreibt. Vor allem in Chaträumen ist dies ein Manko, da man nicht einschätzen kann ob jemand gerade reagiert indem er eine Antwort schreibt oder ob er inaktiv ist (idelt). Einige Instant Messenger versuchen dieses Manko zu beheben, indem sie in einer Fensterleiste z.B. die Information “XY schreibt gerade eine Nachricht” einblenden.
  4. Mangelnde Positionierung der Nachricht: Gerade in Channels besteht bei den eingeführten Chat-Programmen keine Kontrolle darüber an welcher Stelle die eigene Nachricht erscheint. Schreiben viele Personen gleichzeitig, so sind unterschiedliche Unterhaltungen im Channelfenster vermengt und werden nach dem zeitlichen Eintreffen beim jeweiligen Client-Programm dargestellt. Dadurch geht der Kontext verloren und der Nutzer muss einen nicht unerheblichen kognitiven Aufwand treiben um die verschiedenen “Diskussionsstränge” für sich sinnvoll miteinander zu verbinden.
  5. Mangel an verwendbaren Protokollierungen der Unterhaltungen und sozialem Kontext: Dies ergibt sich zum grössten Teil aus Punkt 4, da Wochen oder gar Monate später der Kontext der Unterhaltungen noch schwerer zu rekonstruieren ist.

Es existieren jedoch alternative Chat-Systeme, entweder bereits realisiert oder aber in einem Artikel vorgestellt – die versuchen einen oder mehrere dieser Mängel zu beseitigen. Mehr dazu im zweiten Teil “Alternative Chat-Systeme“.

Hinweis: Dieser Artikel basiert teilweise auf der Beschäftigung mit der Kurseinheit 2 (S. 72-83) des Kurses 01880 “Computerunterstütztes kooperatives Arbeiten – CSCW” von Stephan Lukosch der FernUniversität Hagen. Die Aufstellungen/Listen usw. wurden jedoch alle als Zitate den Originalaufsätzen entnommen.

  1. http://www.kbs.uni-hannover.de/theses/97/wolpers/node7.html []
  2. http://elearn.jku.at/wiki/index.php/Kooperatives_und_Kollaboratives_Lernen_mit_Neuen_Medien []
  3. http://darrouzet-nardi.net/bonnie/pdf/Nardi_outeraction.pdf []
  4. http://jcmc.indiana.edu/vol10/issue4/quan-haase.html []
  5. http://de.wikipedia.org/wiki/IRC-Client []
  6. http://www.rostock.igd.fhg.de/Workshops/WS_Game_based_Learning/files/VortragGBL_Lukosch.pdf []
  7. http://www.pi6.fernuni-hagen.de/DocCURE/manual_26.html []
  8. http://byronandgen.net/research/chatandconversation.htm []

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