Ein Besuch auf der CeBit (17.03.2007)

Die reinen Fakten:

6153 Aussteller aus 77 Länder wurden von 480000 Besuchern 6 Tage lang belagert. Die Messeleitung gibt an, dass erstmals seit dem Jahr 2001 wieder mehr Besucher erschienen sind, als dies im Vorjahr der Fall war. Da die Messe vor allem für Fachbesucher gedacht ist – sprich: Geschäftskontakte geknüpft und damit auch Investitionen getätigt werden sollen – war man besonders stolz, dass 14000 Fachbesucher mehr als im Vorjahr auf der Messe waren. Insg. also 379000.

Mehr Informationen (Statistiken, Werbung der Messe AG, usw.) finden sich im Abschlussbericht der CeBit.

Wie man allerdings in der Ausgabe 8 der c’t nachlesen kann, hat die Messe AG auch zu einem kleinen Trick gegriffen um die Besucherzahl zu erhöhen. So wurden wohl vor Messebeginn “mehrere 10000 Eintrittskarten für weniger als 1 EUR” abgegeben. Sicherlich legitim, aber ob diese Karten wohl mehr von Firmen, oder doch eher von Privatpersonen gekauft wurden?

Der subjektive Faktor:

Hinflug um 6:45 Uhr morgens von München nach Hannover. Im Klartext heisst das um 5:00 Uhr mit dem Taxi zur S-Bahn fahren und dann so klar bei Bewussstsein bleiben, dass man die Boarding Time um 6:15 Uhr nicht auf einem Stuhl neben der durchaus hübschen Stewardess am Gate verschläft. Eine lösbare, aber durchaus anstrengende Aufgabe. In Hannover war es dann erstmal regnerisch, trübe und immer noch zu früh am Morgen für meinen Geschmack. Angenehm ist zunächst, dass direkt am Flughafen eine S-Bahn wartet, die auch bis zum Messegelände durchfährt. Nette Überraschung am Rande – offensichtlich hat München die ausrangierten S-Bahnen nach Hannover verkauft. Jedenfalls waren die Wagons eindeutig aus dem Münchner Verkehrssystem. Sogar noch durchgestrichene Münchner S-Bahn Pläne hingen in den Dingern. Wer hätte das gedacht…

Während der Fahrt füllt sich dann die Bahn mit einer bunten Mischung aus offensichtlichen Geschäftsleuten (im Anzug), weniger offensichtlichen Fachleuten (z.B. Leute wie mich in Jeans), ganz eindeutigen Computerfans (oder sind die Jungs mit langen Haaren und weiblicher Person im Arm Ausdruck eines besonders herzlichen Arbeitsklimas?) und ab zu leicht verwirrt blickenden Menschen, die wohl nur eine Station weiter aussteigen möchten … na ja, manchmal auch zwei Stationen weiter. Am Endpunkt der Fahrt ergiesst sich dann diese ganze Masse an Menschen in Richtung Haupteingang. Sogar zur Öffnungszeit um 9:00 Uhr geht es Samstags ziemlich hektisch und stellenweise beengt zu. Man kann froh sein, wenn man mit seiner hoffentlich vorher freigeschalteten Eintrittskarte ohne Probleme durch das elektronische System kommt. War natürlich bei mir nicht der Fall, ein … nennen wir ihn unbekannter Kollege … vor mir blieb im Drehkreuz hängen. Ich war nicht geistesgegenwärtig genug und hatte meine Karte schon in das System gesteckt. Ergebnis: Kollege kommt durch das Drehkreuz und geht gelassen weiter, für mich bleibt es geschlossen. Da half dann auch kein gutes Zureden, das System hatte ja recht. Für die Elektronik war ich schon drin. Und drin ist eben drin …. nur ich befand mich halt noch draussen. Glück im Unglück war, dass der Sicherheitsbeamte mir die Geschichte geglaubt und nochmal ein Auge zugedrückt hat. Ich musst also keine zweite Karte kaufen. Falls ein Leser der Seite sich als “unbekannter Kollege” wiedererkennt – beim nächsten mal schubse ich dich einfach über das Drehkreuz und grinse dabei. Danke für’s (nicht) stehenbleiben, gell :-)

Nun, ich war zum Arbeiten da und nicht zum Ärgern, also ging ich auf “Tour”. Zuerst in den Future Park, danach in die Hallen für den MittelstandCeBIT Turm nahe Mobile Comminucation (Business Processes), was dann auch die meiste Zeit des Messebesuch beanspruchte und zum Schluss zu den eher für die Consumer gedachten Hallen (also alle möglichen elektronischen Spielereien, “Digital Equipment” und “Communications” genannt). Den Bereich Finanzen und “Public Sector” habe ich ausgespart, da er meinen Arbeitsbereich nicht betrifft.

Der Future Park

Das Wort klingt beeindruckender als es ist. Von den insgesamt 26 Hallen, hat der Park gerade mal eine halbe Halle belegt. Zwar war es eine große halbe Halle …. aber das war trotzdem nicht wirklich viel. Vorzugsweise fand man dort Universitäten, die Data-Mining Tools, E-Learning Systeme, usw. vorstellten. Auch gab es einen etwas grösseren Bereich mit Kleidung die integrierten Elektroniken enthielt und einen interessanten Stand mit einem Eye Tracking System, sowie andere mehr oder weniger nützliche Sachen. Für eine Messe, die sich Innovation groß auf die Fahne geschrieben hat, fand ich das dann aber doch eher enttäuschend.

Der umworbene Mittelstand

Russland war Partnerland und das konnte man auch deutlich bemerken. In einigen Hallen fanden sich relativ grosse Stände, die verschiedenste Systeme anboten. Interessanterweise gab es auch viele andere Länder, die mit Vertretungen angereist waren. Da fanden sich dann unter anderem auch ein iranischer Stand, ein jamaikanischer und Offshore Anbieter mit bemerkenswerter Werbung (billige Arbeitskräfte in Übersee?). Ansonsten ERP-Systeme, Datawarehouse, Data-Mining- und Dokumentenmanagement-/Workflow-Lösungen am laufenden Band. Wer braucht so viele ERPs?

Um die Riesen der Branche haben sich Unmengen an kleineren Anbietern geschart. SAP und Microsoft z.B. hatten eine grosse Anzahl an “Satellliten-Anbietern” rund um ihre eigenen grossen Stände geschart. Microsoft nutzte das Ganze und präsentierte den ganzen Tag lang das neue Betriebsystem Vista mit Podiumsbeiträgen. Dieser Teil des Standes war auch permanent überlaufen. Hier hatten sich wohl dann die meisten Privatpersonen in den ansonsten eher für Geschäftskontakte gedachten Bereich verirrt.

Neben den Ländervertretungen und den großen Anbietern bzw. den Lieferanten die Zusatzprogramme zu diesen anboten fanden sich – aus meiner Sicht eher erstaunlich – wenige kleine und Nischenanbieter. Gut, es gab eine eher kümmerliche Linux Ecke, die neben den Riesen SAP, Microsoft usw.beinahe unterging und auch nicht wirklich Alternativen anbieten konnte, aber ansonsten war da nicht sehr viel. Ein interessanter Anbieter zur Berechnung von Fluid Dynamiken und ein System zur Erkennung von Fehleingaben in ein Datenbanksystem, bzw. zur Bereinigung “historisch gewachsener” Datenbestände, alle anderen interessanten Angebote müssen meiner Aufmerksamkeit entgangen sein. Neue Geschäftsfelder, innovative Lösungen für ungewöhnliche Probleme? Eher weniger. Die meisten Bereiche scheinen schlicht erwachsen zu sein und die meisten Neuerungen sind eher inkrementeller Natur.

Diskussionen gab es natürlich auch. Für eine Weile habe ich einer eher unkritischen Podiumsdiskussion zum Thema RFID zugehört – Fazit: Alles halb so schlimm, die Leute sollen sich nicht so haben wenn Sie überall verfolgt werden können und überhaupt überwiegen die Vorteile und die Nachteile sind nicht so dramatische wie alle anderen immer tun. Vom Heise Verlag konnte ich leider keine Diskussion verfolgen. Andere Präsentationen waren dann eher historische Abrisse wie gut doch die Firma ist (am Citrix Termnalserver Stand z.B.) oder eben offene Promotion.

Der unerwünschte Consumer
Promotions Stand der TelekomNun soll ja die CeBIT wieder mehr auf die Geschäftskunden ausgerichtet werden. Diesen Samstag jedoch war wenig davon zu spüren und wenn man ehrlich ist, herrschte in den Bereichen in denen sich die “normalen Kunden” drängelten auch das meiste Leben. Unmengen mehr oder weniger leicht bekleideter junger Damen, Stände an denen professionelle Moderatoren den größten, am schnellsten schaltenden oder einfach nur den modernsten Monitor/MP3-Player usw. anpriesen, Promotion hier, Ruhebereiche mit Entspannungsliegen und künstlichem See dort. Menschentrauben, die sich um den Telekom oder O2 Stand drängten, laute Musik aus der Ecke eines (Internet) Radio Anbieters und vieles mehr. Nach mehr als 5 Stunden im Business Bereich war das eine Erholung …. obwohl es auch sehr laut und nervig war.

Fazit

Ein anstrengender Tag. Wer sich wirklich Neues oder das “Bleeding Edge” der Softwareentwicklung und -systeme erwartet, der wird hier nur bedingt glücklich. Wer ausgereifte Softwaresysteme vergleichen und solide Geschäftskontakte knüpfen möchte, nebenbei noch ein wenig Unterhaltung sucht, der ist hier schon eher richtig.

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